Wind Skydive Colibri · Technischer Hintergrund
Warum die App aus der Fluggeschwindigkeit, die unser Pilot am Fahrtmesser abliest, eine andere Zahl errechnet – und wie genau diese Zahl zustande kommt.
Stand: 2. Oktober 2026
Das Problem
Für den Absetzvorgang drosselt unser Pilot die Porter extra auf eine Indicated Airspeed (IAS) von 65 kt ab. Das ist die langsamste Geschwindigkeit, mit der er noch sicher fliegen kann. Das macht er, damit die Springer beim Exit möglichst wenig Gegenwind abbekommen, ohne dass er Gefahr läuft, das Flugzeug in den Strömungsabriss (Stall) geraten zu lassen. Diese 65 kt liest er am Fahrtmesser ab und hält sie während des Jumpruns. Für den Exitabstand braucht die App aber die True Airspeed (TAS): die Geschwindigkeit, mit der sich das Flugzeug tatsächlich durch die Luftmasse bewegt. Beide Werte sind nicht dasselbe.
Der Grund: ein Fahrtmesser misst keine Geschwindigkeit direkt, sondern den Staudruck der anströmenden Luft. In dünner Luft erzeugt dieselbe wahre Geschwindigkeit weniger Staudruck als am Boden. Damit der Fahrtmesser trotzdem 65 kt zeigt, muss das Flugzeug in dünner Luft tatsächlich schneller fliegen. Je höher der Jumprun, desto größer die Lücke zwischen IAS und TAS.
Die Formel
Der Zusammenhang zwischen beiden Geschwindigkeiten läuft über das Verhältnis der Luftdichte auf Absetzhöhe zur Luftdichte auf Meereshöhe:
Je dünner die Luft (kleines σ), desto größer der Unterschied zwischen IAS und TAS. Die eigentliche Frage ist also: woher kommen p und T für die Absetzhöhe?
Woher die Werte kommen
Die App fragt beim Wettermodell (DWD ICON-D2 bzw. ECMWF) Wind auf mehreren Druckflächen ab – feste Luftdruckwerte wie 600 hPa oder 500 hPa. Jede Druckfläche liegt an einem bestimmten Tag auf einer bestimmten Höhe; diese Höhe liefert das Modell mit (die „geopotentielle Höhe"). Genau dieselben Druckflächen nutzt die App jetzt auch für Temperatur – und damit für die echte Luftdichte, statt eine Normatmosphäre anzunehmen.
Die Absetzhöhe (4.000 m über Grund) liegt zwischen zwei solchen Flächen. Druck und Temperatur werden zwischen ihnen linear interpoliert – genau wie der Wind selbst es schon immer wird.
Rechenbeispiel
So sah die Rechnung mit echten, vom Modell gelieferten Daten für unseren Platz zu diesem Zeitpunkt aus (DWD ICON-D2) – als Beispiel, nicht als aktueller Wert:
Absetzhöhe (Platzhöhe 584 m + 4.000 m über Grund)
4.584 m MSLEinrahmende Druckflächen zu diesem Zeitpunkt
600 hPa @ 4.438 m, −5,5 °C · 500 hPa @ 5.845 m, −14,5 °CLuftdichte je Fläche (ρ = p / (R·T))
ρ₆₀₀ ≈ 0,781 kg/m³ · ρ₅₀₀ ≈ 0,673 kg/m³Interpoliert auf 4.584 m (f ≈ 10,4 %)
ρ ≈ 0,770 kg/m³Dichteverhältnis σ = ρ / ρ₀ (ρ₀ = 1,225 kg/m³)
σ ≈ 0,628 → 1/√σ ≈ 1,261TAS = IAS × 1,261 = 65 kt × 1,261
TAS ≈ 82,0 ktZur Einordnung
Der Effekt ist nicht linear: Je höher der Jumprun, desto schneller wächst der Unterschied zwischen IAS und TAS. Die Linie zeigt den Zuschlag einer Standardatmosphäre (ohne Temperaturabweichung); der Punkt markiert das Rechenbeispiel von oben – die Atmosphäre lag zu diesem Zeitpunkt fast genau auf dieser Linie.
Die Ausnahme
Liefert das Wettermodell für eine Stunde ausnahmsweise keine Temperaturwerte, rechnet die App nicht einfach mit einer geratenen Zahl weiter, sondern fällt auf die ICAO-Normatmosphäre bei FL150 zurück: einen festen Zuschlag von +26,05 %. Das ist der Wert, der sich aus derselben Formel für einen „Normtag" ohne jede Temperaturabweichung ergibt – keine neue Annahme, nur die Rechnung ohne die aktuelle Wetterlage.